Die ersten fünf Tage Kammermusik in Homburg 2017
clair obscur Saxophon Quartett, Maike Krullmann, Christoph Enzel

Saxophonquartett begeistert

HOMBURG (ic) Mit einem hoch interessanten Lesungskonzert am Samstagmorgen in der Aula des Mannlich Gymnasiums ging die erste Woche der Internationalen Kammermusiktage Homburg zu Ende. Sie war von exzellenten Darbietungen geprägt, aber auch getragen von zunehmender Begeisterung des erfreulich großen und treuen Publikums.

Das erlebte das junge Amatis Piano Trio zusammen mit dem Klarinettisten Ib Hausmann am Mittwochabend in einer ergreifenden Wiedergabe des „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen (1908-1992). Die Umstände seiner Entstehung 1940 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager bei Görlitz, wo es vom Komponisten und Mitgefangenen auch uraufgeführt wurde, aber auch Messiaens tiefe Religiosität schienen zwischen der „Liturgie de cristal“ und der verhauchenden „Louange à l’immortalité de Jésus“ allgegenwärtig zu sein. 

Begeisternd war neben dem Vogler Quartett in Antonin Dvořáks (1841-1904) frühem Streichquartett D-Dur op. 80 von 1876 vor allem das Clair/Obscur Saxophonquartett. In ihm spielen Jan Schulte-Bunert (Sopran-), Maike Krullmann (Alt-), Christoph Enzel (Tenor-) und Kathi Wagner (Baritonsaxophon). Es sind Virtuosen ihres Fachs, die mit viel Spielwitz und unglaublicher Klangkultur die in den 50er Jahren entstandenen Bläser-Bagatellen von György Ligeti (1923-2006) aufmischten. 

Auch der Donnerstagabend wurde zum großen Erfolg der Saxophonisten. Christoph Enzel übernahm im Quintett für Altsaxophon und Streichquartett von Adolf Busch (1891-1952) den Bläserpart, um zusammen mit dem Vogler Quartett eine überaus hörenswerte Komposition aufzuführen. Sie war in ihrem spätromantischen Duktus zwischen Mahler und Schulhoff angesiedelt. Danach schlug die Begeisterung wahre Kapriolen als das Clair/Obscur Quartett drei Sätze aus „Mishima“ des amerikanischen Minimalisten Philip Glass (geb. 1937) zum Besten gab und sein Publikum mit dem berühmten „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns (1835-1921) zum Besuch eines  imaginären Zoos nach Art einer „Grande fantaisie zoologique“ einlud. Was war mehr zu bewundern, die absolute Beherrschung der Instrumentalparts  selbst in der Nachahmung der kniffligen Klavierpassagen, die liebevollen szenischen Gags zu den Tierszenen oder das strikte Auswendigspiel der vier Solisten, das solches erst ermöglichte? Die protestantische Stadtkirche bebte unter den ausgelassenen Beifallsrufen, erst recht nach der im Kirchenraum verteilten Wiedergabe des „Libertango“ von Astor Piazolla (1921-1992)  als Zugabe.

 

Am Freitagabend gastierten die Internationalen Kammermusiktage wieder im Saalbau, wo Wolfgang Korb und der Komponist Sven-Ingo Koch (geb. 1974) mit Unterstützung des Vogler Quartetts zunächst einen Zugang zum Quartett „Die Liebe zur Linie“ suchten. Trotz aller Bemühungen um weit gespannte oder immer enger werdende Intervalle, trotz des erklärten Sachverhalts, dass eine in der Partitur vorgeschriebene „liebevolle Umarmung“ warum auch immer durch knarrende Töne des angedrückten Bogens dargestellt werden kann oder durch angerissene Bartók-Pizzicati, die dem Cellisten eine Saite kostete und seinem  Bogen einige Haare: Die neun (!) Sätze des dem Vogler Quartett gewidmeten Werkes hatten es nachher im Konzert sehr schwer, als Klangrede vom Publikum verstanden zu werden.

Da hatte es die in der strengen russischen Klaviertradition ausgebildete Pianistin Elisaveta Blumina mit ihrem Jazzprojekt nach George Gershwin (1898-1937), nach Lenonard Bernstein (1918-1990) oder nach dem ukrainischen Jazzkomponisten Nikolai Kapustin (geb. 1937) und dessen Stilanleihen bei Gershwin leichter. Ihre pianistische Brillanz mischte sich sehr geschickt mit jener des Saxophonquartetts Claire/Obscure. Das Publikum ließ sich vom ausgelassenen Swing des Quintetts wieder mitreißen und wurde dafür in der Zugabe mit den finalen Akkordballungen aus der „Rhapsodie in blue“ von Gershwin belohnt.

  Um irreal-märchenhafte bis alptraumartige Welten ging es am Samstag in der Aula des Mannlich Gymnasiums. Sie war bis zu dumpfer Akustik heillos überfüllt, als der bekannte Schauspieler Martin Feifel mit feiner, unterschwelliger Ironie in „Die Elfen“ des französischen Erzählers Charles Marie Leconte de Lisle (1818-1894) den „süßen“ Liebestod eines Ritters unter Elfen nacherzählte, „bedeckt von Thymian und Lorbeer“. Die Erzählung fand 1901 ihren Nachhall in der bezaubernden „Légende d’après ‚Les Elfes’ de Leconte“ für Harfe und Streichquartett von Henriette Renié (1875-1956), einer gleichermaßen bedeutenden Harfenistin wie begabten Komponistin. Zur subtilen Begleitung des Vogler Quartetts zeigte Antonia Argmann, welch bezaubernde Klänge sie ihrer Konzertharfe zu entlocken vermag. 

Die prägten auch die thematisch verwandte Fantasie für Violine (gespielt von Frank Reinecke) und Harfe op. 124 von Camille Saint-Saëns (1835-1921), nicht zuletzt die bekannten „Dance sacrée“ und „Dance profane“ von Claude Debussy (1862-1918) in einer Bearbeitung für Harfe und Streichquartett. 

Unter die Haut ging im zweiten Teil der Matinee die Rezitation des Schauspielers mit Homburger Wurzeln Martin Feifel in der Meistererzählung „Die Maske des roten Todes“ von Edgar Allan Poe (1809-1849). Der rhetorische Gestus wechselte vom lapidaren Erzählton zur dramatischen Auseinandersetzung zwischen Fürst Prospero und dem geheimnisvollen Tod in roter Maske, so dass die Mikrofonanlage bis zum Klirrfaktor zuweilen überfordert war. Angelehnt an die in der Erzählung erwähnte skurrile Maskerade der Hofgesellschaft, hatte Margarete Palz für ihr Visionäres Tanztheater fantasievolle Kostüme geschaffen, mit denen die sich entwickelnde Handlung bis zur schrecklichen Herrschaft des Roten Todes eindringlich in Szene gesetzt wurde. Dazu spielte die Harfenistin Antonia Argmann mit dem  Vogler Quartett die fesselnde  „Conte fantastique“ von André Caplet (1878-1925) aus dem Jahre 1908, in der die wichtigsten Erzählmomente bis zum Verstummen der Ebenholz-Uhr auf den Harfensaiten noch einmal nachklangen. Langanhaltender Applaus aus dem Auditorium dankte allen Mitwirkenden für ein unvergessliches Erlebnis.

Paul O. Krick