Interview mit einem Vogler-Duo 2015
Gesprächsduo: Stefan Fehlandt und Tim Vogler (von links). Foto: Vogler Quartett

Der Stilmix ist unser Erfolgsgeheimnis

Ein fragendes Gespräch mit Tim Vogler (Violine) und Stefan Fehlandt (Bratsche) über Kammermusik allgemein, die Intention des Vogler Quartetts und Programmschwerpunkte der 20. Internationalen Kammermusiktage Homburg.

Stefan Fehlandt hörte in Dresden zwei Sätze aus Musikermund, die ihn entsetzten, Ausdruck einer Arbeitsauffassung, die der Musikphilosophie der Voglers entgegensteht. Die Sätze passen gut nebeneinander – „das haben wir schon immer so gemacht,“ lautet der eine, „das haben wir noch nie so gemacht,“ der andere. Die Voglers machen es gerne anders, sie sind neugierig auf andere Musiker und offen für Zusammenarbeit. Streichquartett und Chanson – warum nicht? Ihre musikalischen Reisen führen bis ins Berlin der zwanziger Jahre, wenn sie mit Ute Lemper oder mit Salome Kammer Eisler/Brecht Lieder auf die Bühne bringen. Oder nach Argentinien, um dem Bandoneonspieler Marcelo Nisinman in die Welt des Tangos zu folgen. Der türkische Musiker Taner Akyol bringt mit der Baglama, der türkischen Laute, den Orient zum Streichquartett. Zusammenkünfte, bei denen alle Musiker sich vortasten, um gemeinsam etwas Einzigartiges und Neues hervorzubringen. Jahr für Jahr ist Homburg während der Kammermusiktage Schauplatz dieser Begegnungen, dieser „chemischen Prozesse“, wie Tim Vogler es nennt.

2015 gibt es mit Moritz Eggert einen „composer in residence“, einen lebenden und anwesenden Komponisten. Eggert bespielt Bühnen souverän, am Klavier und mit Worten. Ein Programmpunkt der Kammermusiktage im September 2015 ist Moritz Eggerts für das Vogler Quartett komponierte Stück „Croatan“. Eineinhalb bis zwei Minuten „Hämmerklavier“ am Beethoven-Abend. Der Titel scheint ein Augenzwinkern in Richtung Beethoven. Der Pianist spielt selbst, Eggert gilt auch als großer Performer…

Tim Vogler: „Moritz Eggert ist gut ausgesucht, wenn er singt, ist das sehr unterhaltsam. Man kann nicht immer dieselben Mozarts, Haydns, Beethovens spielen, wir mussten einen Kontext schaffen, der zeitgemäß ist. Niemand soll abgeschreckt werden.“

Stefan Fehlandt: „Ein unglaublich energetischer, kommunikativer Typ, kann eigentlich nur gut werden…“

Tim Vogler: „…und es bringt die Chance eine Form Neuer Musik im Kontrast mit Altem zu bringen, auch genreübergreifend. Mit der Mandoline in die Alte Musik zum Beispiel, was in so einem Festival passiert, ist wie ein chemischer Prozess, faszinierend dabei sein zu können.“

Der Verdacht drängt sich auf, dass vor allem die Musiker vom Neuen fasziniert sind, weil sie sich seit Studientagen mit der Streichquartettliteratur des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts beschäftigen. Bietet der Beethoven, auf den der Hörer sich vielleicht besonders freuen würde, für die Profis keinen Reiz mehr?

Stefan Fehlandt: „Es ist reizvoll das Alte dem Neuen gegenüber zu stellen, die unterschiedlichen Gebiete mit denen wir uns beschäftigen zusammenzubringen, das muss nicht unbedingt Neue Musik sein. Beim Quartett ist es so, dass man immer wieder zu Haydn zurückkommt. Die Herausforderung bleibt. Die Interpretationen ändern sich auch im Lauf der Jahre.“

Was ist nun das Konstante? Wofür steht das Vogler Quartett? Wie würde ein Musikkundiger den Ensembleklang beschreiben?

Tim Vogler: „Wie ein Instrument und doch sehr individuell“, eine spirituelle Komponente, „Musik, das sind nicht nur Noten, die man spielt, dahinter gibt es eine Wahrheit, eine Idee, einen Klang, den Duft der Musik sozusagen. Es ist etwas, das die Studenten noch nicht haben, sie spielen gut, die Phrasen sind korrekt, aber dann – das Türchen aufmachen, es zusammen laufen zu lassen, im Hier und Jetzt zu spielen und trotzdem im Klang eine Zeit zusammen zu fassen, darum geht es letztendlich.“

Spirituell, überzeitlich – mit Worten ist schwer zu beschreiben, was gute Musik zu sagen vermag.

Tim Vogler: „Diese Qualität muss da sein, das führt auch dazu, dass man in Proben gar nicht mehr viel reden muss. Selbst wenn es sich am Anfang zusammen suchen muss, irgendwann kommt der Punkt, wo alles, wie Zahnräder, ineinander greift.“

Das hat wenig mit Technik zu tun. Sind das geistige, transzendente oder auch nur kognitive Vorgänge?

Tim Vogler: „Ja, aber es sind vor allem auch emotionale Vorgänge. Emotionale Intelligenz ist sicher das Wort. Es hat mit Herz zu tun. Damit, dass man etwas fühlt. Sehr oft hat man von Anfang an eine Idee, wie ein Stück sein soll. Man fühlt diese Idee. Am Anfang hat man bloß viele Noten, dass sich daraus eine Struktur ergibt, ist sehr intuitiv. Die Intuition erfasst wofür in der Partitur konkrete Gründe zu finden sind. Aber die Analyse steht nicht am Anfang.“

Sie vergleichen es mit dem Kochen, man hat ein Rezept, kennt die Zutaten und schmeckt doch ab, ein Gericht wird es erst durch den Koch. In der Außensicht, warum wählen Musikliebhaber die Einspielung des Vogler Quartetts? Was bekommen die Fans des Vogler Quartetts?

Stefan Fehlandt: „Individualität, viel Kraft, Differenzierung, eine sehr große Bandbreite, bis zum orchestralen Klang, Power, Volumen, Klangreichtum. Substanz, Fülle.“

Tim Vogler: „Authentisch, etwas erlebbar machen, was aus dem Inneren hervorkommt.“

Stefan Fehlandt: „Präsenz, das Wort Präsenz fällt mir ein. Plastizität. Durchgezeichnet, transparent, aber mit viel Substanz.“

Ist es gewünscht, dass die vier Musiker als Individuen erkennbar bleiben?

Stefan Fehlandt: „Ein interessanter Ensembleklang entsteht nur, wenn es vier gleichwertige, möglichst individuelle Stimmen sind. Dann kann man anfangen, sich um Homogenität zu kümmern.“

Die Geschichte des Streichquartetts lasse sich herleiten aus der Zeit des Kontrapunkts, von Johann Sebastian Bach, der polyphonen Musik. Die Mannheimer Klassik verdrängte die komplexe Kunst der Mehrstimmigkeit mit ihrer effektgesättigten Einstimmigkeit, einer Leitstimme, der die anderen folgen. Dann kam der erfindungsreiche Joseph Haydn.

Tim Vogler: „Haydn arbeitete wieder polyphon, setzte ‚Bausteinchen’ zusammen. Das Typische an Bach ist die Fuge, gleichwertige Stimmen, die sich zuspielen. Dieser mehrstimmige Ansatz wird bestimmend für das Streichquartett.“

Dieses „Schachspiel der Musik“ (Zitat Tim Vogler) wird zur Herausforderung für Haydn, Mozart, Beethoven. Bereits taub komponierte Beethoven seine letzten Streichquartette, hochkomplexe Werke, wie die Große Fuge, die von ihm als Finalsatz für sein B-Dur Streichquartett, Opus 130 gedacht war, auf Anraten des Verlegers aber als eigenständiges Stück veröffentlicht wurde (Opus 133 B-Dur, entstanden 1825/26). Die Latte hing hoch für alle, die sich am Streichquartett versuchten, polyphon arbeiteten wie Mendelssohn, Brahms, Schubert, Schumann, Reger, Ravel, Debussy, Schönberg. Das Repertoire ist groß, der Drang der Musiker weiter zu gehen ebenso.

Tim Vogler: „Wenn man dreißig Jahre Streichquartett spielt, über viele Jahre ein Festival gestaltet, will man sich nicht immer wiederholen. Wir spielen natürlich immer Haydn, Haydn hat fast 70 Streichquartette geschrieben. Aber um im Bild des Schachspiels zu bleiben, es bietet auch uns als Musikern viele Möglichkeiten, da mal auszubrechen.“

Stefan Fehlandt: „Nicht zuletzt beschäftigt einen nach dreißig Jahren aktiver Musikerkarriere die Frage, welche Spuren man hinterlässt, und vor allem welche Anreize man bietet, neue Stücke zu komponieren, ob man jungen Komponisten Motivation bietet.“

Tim Vogler: „Was passiert heute, was wird geschrieben, warum setzen wir uns nicht damit auseinander? Das sind Fragen, die uns interessieren. Wer, wenn nicht wir, soll die Musik aufführen? Die Komponisten haben es oft schwer, schreiben Stücke, die niemals gespielt werden. Und wenn doch, flüchtet das Publikum. Das ist doch eigentlich fies.“

Stefan Fehlandt: „Wir bieten Interaktion ohne die Vorurteile und Animositäten, die es nach wie vor gibt… die Komponisten genügen sich selbst, die Lehrer beharren auf ihrer Lehre, die Musiker sind mit Konzerten so verplant, dass für die zeitraubende Auseinandersetzung mit lebenden Komponisten die Zeit fehlt. Dabei gibt die Arbeit mit lebenden Komponisten natürlich auch die Chance, Einfluss zu nehmen, Dinge zusammen zu entwickeln.“

Welche zeitgenössischen Komponisten beeindrucken Euch?

Tim Vogler: „Ein außergwöhnlicher Komponist ist Sven-Ingo Koch, den wir 2014 auch in Homburg dabei hatten. Ligeti, Lutowsalski. Lachenmann ist eine große Figur, wir haben ihn noch nicht gespielt.“

Stefan Fehlandt: „Man tendiert dazu, auch in der Moderne die Klassiker zu spielen, die sicheren Posten. Auch wir spielen lieber Ligeti oder Lutoslawski.

Seit mehr als zehn Jahren kommen die vier Musiker nach Homburg zu den Kammermusikfreunden. Was bedeutet diese Woche „den Voglers“?

Tim Vogler: „Einer der intensivsten Wochen im ganzen Jahr, die vielen und intensiven Kontakte, die gewachsenen Freundschaften, die lukullischen Verwöhnaktionen durch die Vereinsmitglieder, jeden Abend Konzert, jeden Tag Probe. Es ist eine Woche, die auch erschöpft, etwas Besonderes auch dadurch, dass man an seine eigene Grenze geht.“

Woran erinnert Ihr Euch, ohne lange darüber nachzudenken?

Spontan fallen den beiden vor allem die ausgefallenen Projekte mit Künstlern wie Eduard Brunner oder Salome Kammer ein, und die besonderen Spielorte wie der „Kuhhof“ in Zweibrücken. Das Stichwort „Orchesterstellenraten“ fällt.

Stefan Fehlandt: „Ein Student von mir war bei den Kammermusiktagen dabei, er stand kurz vor der Prüfung, und wir verfielen auf die Idee, ihn Stellen aus Orchesterstücken spielen zu lassen, die auch zu seinem Prüfungsrepertoire gehörten, und das Publikum raten zu lassen, um welche es sich handelt.“

Tim Vogler: „Zum Beispiel aus dem Don Juan von Richard Strauss eine einzelne Bratschenstimme rausgeholt, kein normaler Konzertbesucher weiß wie das klingt.“

Stefan Fehlandt: „Haarsträubender Stress für den Studenten, der die isolierte Stimme vor Publikum spielt…, das sind zwei, drei Zeilen aus „Figaros Hochzeit“, der „Verkauften Braut“ oder berühmte Stellen von Mahler, Bruckner, Beethoven. Dann durfte geraten werden. Ein Herr aus dem Publikum gewann alle CDs, die es zu gewinnen gab, weil er immer der schnellste war. Da kam fast ein bisschen Unmut auf. Aber ernst war das ja nicht gemeint, mit einer Bratsche „Don Juan“ spielen, eher eine Skurrilität.“

Blieb noch etwas besonders im Gedächtnis haften?

Stefan Fehlandt: „Frank (Reinecke, Violine) singt im Duett mit Salome Kammer „Brüderlein und Schwesterlein“, auch im Kuhhof.“

Aber es ist nicht so, dass nur lustige oder skurrile Szenen in Erinnerung bleiben.

Tim Vogler: „Ich erinnere mich an einige Quartett-Aufführungen, zum Beispiel ein amerikanisches Quartett von Dvorak.“

Stefan Fehlandt: „Schubert-Oktett, Quintette, wir haben einige schöne Sachen gespielt…“

Tim Vogler: „Es ist oft das Zusammentreffen und – spielen mit anderen, eben das, was das Festival auch ausmacht.“

Gibt es noch ein paar Highlights aus dem Gedächtnis?

Tim Vogler: „Besonderes Highlight, der Rosengarten von Leisers, die vielen schönen Abende im Kreise der Kammermusikfreunde.“

Stefan Fehlandt: „Die ehrenamtliche Arbeit so Vieler, Rose Weinheimer, die alle Fäden zusammen hält. Auch wenn kleine Katastrophen passieren, Sängerin und begleitender Pianist sich in die Haare kriegen.“

Tim Vogler: „Die Sopranistin rief an, sie sollten Strauss-Lieder spielen, und sagte, ‚Tim, ich kann mit dem nicht spielen, ich reise ab’ – das Konzert war am nächsten Tag, auch der Pianist war total sauer. Wir fuhren zu ihnen, wie Kampfhähne standen die beiden giftend voreinander, hier die Walküre, da der Italiener lässig in seiner schwarzen Lederjacke. Sie voller Verachtung, er im Bewusstsein seines Künstlertums. Mit Mühe gelang es, die beiden dazu zu bringen, es wenigstens einmal zu versuchen. Nun, am nächsten Tag haben sie ganz passabel miteinander gespielt. Die Wogen hatten sich geglättet. In Erinnerung bleiben aber auch die vielen Extrawürste, die der Pianist während des Festivals für sich in Anspruch nahm, und nicht zuletzt die Nacht, die Balthasar Weinheimer mit Krankenbetreuung zubrachte, weil der Künstler auf eine Tablette allergisch reagiert hatte…“

Gibt es denn viele „Diven“?

Tim Vogler: „Man findet Leute, die sind einfach und unprätentiös, bei denen könnte man einfach bleiben, das wäre dann immer derselbe Reigen, aber das wollen wir nicht, wir sind ja schon immer dieselben. Und diese immer Selben bleiben der Homburger Kammermusik treu und arbeiten mit an Bestand und Weiterentwicklung der Internationalen Kammermusiktage Homburg.

Interview: Astrid Karger