Vier Fragen an Stephan Forck (Cello) und Frank Reinecke (Violine) vom Vogler Quartett

(von Astrid Karger)

Drei Fragen wurden in Anlehnung an Kommentare des Geigers Oliver Wille/Kuss Quartett zu Cd-Einspielungen von Streichquartetten gestellt. (Wille wusste nicht, wer spielt.)

 

– Nikolaus Harnoncourt sagte, Musik könne sowohl ja als auch nein sagen ,und das zugleich, er sprach von der „Musik als Klangrede.“ Heutige Musiker würden Harnoncourts Rhetorik-Gedanken folgen. Würde er jedoch übertrieben, so empfindet es Oliver Wille vom Kuss Quartett, dann „wird ein Stück mitunter vorgeführt und nicht mehr musiziert, es verliert die Natürlichkeit, man spürt zu sehr den erhobenen Zeigefinger.“

Wie erklärt Ihr „sprechend musizieren“?

Spielt der Rhetorik Gedanke bei Euren Erarbeitungen eine Rolle?

Stephan Forck: "Für uns ist Musik eine Form der Kommunikation. Da spielt Rhetorik natürlich eine Rolle. Wobei Sprachliches in der Musik des Barock und der Klassik eine größere Rolle spielt als in der Moderne. Die Bedeutung der Interpunktion, also der Zeichensetzung, kann für die Phrasierung von Musik sehr wichtig sein. Eine Phrase kann mit einem Fragezeichen enden, also offen bleiben oder mit einem Ausrufezeichen, also bestätigend. Ebenso kann eine Phrase durch Kommata gegliedert sein, sie kann quasi Nebensätze enthalten. Bestimmte Dinge kann man sich mit einem anderen Schrifttypus geschrieben vorstellen, kursiv oder fettgedruckt. Dies alles bereichert die musikalisch-klangliche Fantasie.”

Frank Reinecke: “Es ist beim Sprechen wie beim Spielen: wenn alle Nuancen des Tonfalls, der Artikulation, des Tempoaufnehmens oder auch des Innehaltens, des Hervorhebens einzelner Worte oder Töne genutzt werden vom Erzähler/Musiker, dann bekommt das Erzählte eine Lebendigkeit, die den Zuhörer in die Geschichte hineinzieht.”

 

– „Diesem Quartett (Klenke Quartett 2005, Anm. d.Red.) geht es darum, etwas im Ganzen darzustellen. Erzählerisch bedeutet, dass man sich die Freiheiten nimmt zu sprechen. Dass man z.B. plötzlich ruft: Halt, jetzt kommt etwas Neues! Das gibt es hier nicht. Es ist alles abgerundet.“

Habt Ihr Gespräche dieser Art? Werden solche Fragen gegeneinander abgewogen? Etwas „erzählen“, auf „Neues“ hinweisen, oder es als Ganzes darstellen?

Stephan Forck: “Sicher entwickelt jeder Musiker/jedes Ensemble im Laufe der Zeit sein eigenes Vokabular in Bezug auf interpretatorische Belange. Insofern sind die Begriffe bei uns etwas anders, betreffen vermutlich aber gleiche Dinge. Der Blick auf die Partitur als Ganzes ist uns sehr wichtig. Das Ganze im Blick zu haben, aber gleichzeitig einen Erzählfaden zu spinnen bzw. mit den Ohren dem musikalischen Fluss zu folgen, dabei spontan auf das zu reagieren, was im Moment entsteht: das ist nicht immer leicht zu erreichen.”

Frank Reinecke: “Solche Fragen sind auch bei uns ein ganz wichtiger Teil des Probenprozesses. Eine Partitur kann ja je nach Interpret vollkommen unterschiedlich erklingen und es ist wunderbar, dass wir das oft seit Jahrhunderten aufgeschriebene Werk, durch jede Aufführung wieder frisch und neu zum Leben erwecken können.”

 

– „Das ist der Klang, den das Alban Berg Quartett geprägt hat. Das bezeichnet man inzwischen als den modernen Quartett-Klang: eine sehr helle erste Geige, sehr viel Höhen, ein bestimmter Nachhall, den es auf den alten Aufnahmen nicht gibt. Hier hört man ganz deutlich vier Stimmen mit unterschiedlicher Spielweise. Und es wird durchvibriert – ich habe das auch noch an der Hochschule gelernt, das sei eine ganz wichtige Qualität, das imitiere die Stimme.“ (Oliver Wille/Kuss Quartett)

Spielt Ihr auch so? Den „modernen“ Klang? Ist man als Streichquatrett/Berufsmusiker gezwungen mit der Zeit zu gehen?

Stephan Forck: “Es gibt immer Vorbilder, denen man besonders in jungen Jahren nacheifert. Insofern wird man geprägt vom musikalischen Umfeld. Allerdings kommt es heute fast nie vor, dass wir unsere musikalischen Entscheidungen aufgrund gehörter CD-Einspielungen anderer Ensembles fällen. Ein für unsere Klangvorstellung wichtiges Konzert war 1987 in Ostberlin mit dem Guarneri-Quartett. Das war ein richtiges „Aha“-Erlebnis. Konzeptionell haben uns Aufnahmen vom Vegh-Quartett und auch vom LaSalle-Quartett, bei denen wir später dann studiert haben, beeindruckt. Der bewusste Umgang mit dem Vibrato ist uns sehr wichtig. In dem Zusammenhang warnte Sandor Vegh vor einer „McDonaldisierung der Musik“ oder „Sauce generale“ womit er ein Einheitsvibrato gegeißelt hat, das über jedwede Musik rübergegossen wird.”

Frank Reinecke: “Wir versuchen, den Klang zu geben, der für uns zur Musik passt. Das muss durchaus nicht immer der schöne und edle Ton sein, den man normalerweise mit Streichinstrumenten verbindet. Wenn die Stimmen z.B. heftig miteinander streiten, dann geht es - wie in einem richtigen Streit - auch rauer, lauter und schriller zu. Um so schöner ist es dann, wenn man später wieder zu einem homogenen Klang findet, wenn sich die Gemeinsamkeit musikalisch wieder eingestellt hat. Vielleicht zeichnet unseren Quartettklang aus, dass wir solche Zuspitzungen im Charakter der Musik gern deutlich hörbar machen. Jedes Ensemble setzt seine eigenen Prioritäten beim Klang.”

 

Ihr werdet in Homburg am Freitag, den 30.9.in der Protestantischen Stadtkirche Bachs “Kunst der Fuge” spielen. Wie nähert Ihr Euch diesem großen Zyklus, für den Bach keine Besetzung festgelegt hat??

Stephan Forck: “Die Kunst der Fuge ist kein typisches Werk für ein Konzert. Allein die Länge ist mit deutlich mehr als 90 Minuten ungewöhnlich. Wir bemühen uns, dem Stück eine Konzert- Dramaturgie zu geben und greifen deshalb in die Reihenfolge ein. Es gibt in der Kunst der Fuge einige zweistimmige Kanons und auch dreistimmige Fugen, die wir zwischen die vierstimmigen gesetzt haben. Auf diese Weise bekommt das Werk eine etwas andere Strukturierung. Klanglich bemühen wir uns um einen zwar sinnlichen aber schlanken, vibratoarmen Ton. Die Akustik einer Kirche hilft unserer Klangvorstellung. Aus einem einzigen Thema hat Bach ein vielgestaltiges, rhythmisch und melodisch/harmonisch variiertes Werk geschaffen. Diesem nachzuspüren, seine kompositorische Einzigartigkeit zu erfassen und hörbar zu machen ist eine wundervolle Herausforderung. Bei aller intellektuellen Durchdringung bemühen wir uns trotzdem, einen Bogen über das Ganze zu spannen.”

Frank Reinecke: “Natürlich ist da vor allem die Bewunderung, welche Vielfalt Bach aus einem einzigen Thema geschaffen hat. Die Freude am Erkunden des Textes und dem Endecken seiner Struktur. Immer kommt noch etwas dazu, was ich vorher noch nicht bemerkt hatte. Ein Prozess, der sicher noch lange weitergehen wird. Man kann diese Musik als Spieler weniger nach seinem Willen formen, man muss sich ihr hingeben und ihrem Fluss folgen. “